FROM BALKAN WITH LOVE?
JUGOSLAWIENBILD IN DER SCHWEIZER GESCHICHTSKULTUR
Die Geschichte der Schweiz ist seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eng mit dem ehemaligen Jugoslawien verflochten – wirtschaftlich, politisch und vor allem biografisch. Um die Jahrtausendwende stellten Menschen aus Ex-Jugoslawien beinahe ein Viertel der ausländischen Wohnbevölkerung; heute hat ungefähr jede siebzehnte Person in der Schweiz familiäre Wurzeln in diesem Raum (Swissinfo.ch, 2019). Diese demo-graphische Präsenz ist das sichtbarste Echo einer langen Migrations- und Verflechtungsgeschichte, die in der öffentlichen Wahrnehmung jedoch meist auf ein Konflikt- und Zerfallsnarrativ reduziert wird.
Diese Wahrnehmungstradition knüpft an ein überkommenes «Balkanbild» an, das den Raum als konflikthaft und rückständig darstellt. Die Historikerin Maria Todorova hat in «Imagining the Balkans» gezeigt, dass der Balkan in der europäischen Vorstellungswelt als ein «inneres Anderes» konstruiert wurde: nicht gänzlich fremd wie der Orient, aber auch nicht voll und ganz Teil Europas (Todorova, 2019). Er erscheint als Zwischenraum, dem Gewalt, Chaos und Zivilisationsrückstand zugeschrieben werden. Diese Sichtweise wirkt bis heute fort und prägt auch die schweizerische Geschichtskultur.
Das verbreitete negative Jugoslawienbild zeigt sich beispielsweise in offenkundig abwertenden Bezeichnungen wie «Jugo», die Menschen auf ihre Herkunft reduzieren, oder in Schlagwörtern wie «Balkanschläger» und «Balkanraser»„ die sich politisch instrumentalisieren lassen (Pavić, 2020). Auch in vermeintlich harmloseren Varianten haben sich solche Stereotypisierungen in eine breitere gesellschaftliche Geschichtskultur eingeschlichen.
So veröffentlichte das Migros Magazin 2020 unter dem Titel «From Balkan with Love» ein Dossier, das eigentlich eine Hommage an die Diaspora sein sollte, aber fast nur Klischees wiederholte: Trainerhosen, «witzige» Schrebergärten, nette Taxifahrer oder autobegeisterte Männer (Migros Magazin, 2020). Dieses Beispiel macht deutlich, wie tief stereotype Vorstellungen sitzen – und wie selten die vielschichtigen und verflochtenen Geschichten der ex-jugoslawischen Diaspora in der Schweiz wirklich erzählt werden.
JUGOSLAWIEN IM SCHWEIZER GESCHICHTSUNTERRICHT
Die Geschichte Jugoslawiens nimmt im Geschichtsunterricht an Schweizer Schulen bislang eine marginale Role ein und erscheint auf der mentalen Landkarte höchstens als Randnotiz. In Lehrmitteln wird Jugoslawien meist auf einer einzigen Doppelseite abgehandelt und nahezu ausschliesslich auf die Kriege der 1990er-Jahre reduziert. Selbst dort, wo dem Thema etwas mehr Raum eingeräumt wird, dominiert weiterhin ein Kriegs- und Zerfallsnarrativ, das die vielschichtigen historischen Prozesse und gesellschaftlichen Entwicklungen ausblendet. Diese Verengung auf ein negatives Jugoslawienbild verdeutlicht, dass der Geschichtsunterricht stets in eine konkrete Gesellschaft und ihre Geschichtskultur eingebettet ist und sich nicht unabhängig von deren Vorstellungen und Deutungsmustern verstehen lässt (Gautschi 2009: 34).
Für Lehrpersonen ergibt sich daraus eine komplexe Herausforderung: Sie müssen nicht nur historische Inhalte vermitteln, sondern zugleich mit gesellschaftlich tief verankerten Stereotypen umgehen und die biografische Betroffenheit der Lernenden angemessen berücksichtigen. Die gängigen Lehrmittel helfen oft nicht weiter. Julia Thyroff, die an der PH FHNW ein Forschungsprojekt zur Vermittlung der Jugoslawienkriege leitet, identifiziert im Wesentlichen drei Probleme in gängigen Geschichtslehrmittel: Sie reproduzieren erstens unkritisch problematische Stereotype wie das vom «Pulverfass Balkan», und erzählen eine geglättete Geschichte, die Jugoslawien einseitig auf Zerfall und Krieg reduziert. Zweitens klammern sie zentrale Kontroversen systematisch aus, wie die verharmlosende Bezeichnung «Massaker» für den Genozid von Srebrenica oder die unsichtbare Behandlung der ambivalenten Rolle internationaler Akteure wie UNO und NATO zeigt. Und drittens fehlt in den Lehrmitteln der Bezug zu den Biografien der Lernenden (vgl. Thyroff, 2020a).
Angesichts dieser komplexen Problematik zögern Lehrpersonen häufig, die Jugoslawienkriege im Unterricht zu thematisieren. Das Kernproblem bringt der Geschichtsdidaktiker Dominik Sauerländer wie folgt auf den Punkt: «Wir wissen schlichtweg zu wenig darüber, und die Unversöhnlichkeit der Positionen und Sichtweisen ist uns fremd» (Sauerländer, 2020: 173). Hinzu kommen Sprachbarrieren beim Zugang zu relevanten Quellen sowie die Sorge vor einer emotionalen Überforderung der Lernenden mit ihren biografischen Bezügen. Dennoch betont Sauerländer: «Aus Rücksicht auf die Kinder und Jugendlichen nicht an Traumata rühren und das Thema totschweigen, kann nicht die Antwort sein.» (Ebd.: 171)
Gerade weil das Thema einen hohen Gegenwartsbezug hat und für viele Lernende aufgrund ihrer Biografien von unmittelbarer Lebensweltrelevanz ist, bietet es ein enormes Potenzial für Sinnbildung (Baumgärtner, 2015). Es kann nicht nur gesellschaftliche Orientierung vermitteln, sondern auch das individuelle historische Denken vertiefen und zur Reflexion über Stereotype, Fremd- und Selbstbilder anregen (Thyroff, 2020b). All dies unterstreicht die Dringlichkeit, Jugoslawien zu einem festen Bestandteil des Schweizer Geschichtsunterrichts zu machen und dabei über das reduzierte Kriegs- und Zerfallsnarrativ hinaus differenziertere Zugänge zu entwickeln.
PROJEKT ABC-JUGOSLAWIENS
An diesem Punkt setzt unser Pilotprojekt «ABC Jugoslawiens» an: Mit unseren Unterrichtsmaterialien versuchen wir, die in der schweizerischen Geschichtskultur verankerten Stereotype bewusst zu thematisieren und zu dekonstruieren. Unser Ziel ist es, dem Zerfallsnarrativ und der Wahrnehmung Jugoslawiens als blossen Konfliktraum, die in der neueren Forschung längst überholt sind, eine differenzierte Darstellung entgegenzusetzen, die die historische Vielfalt, Kontinuität und Eigenständigkeit des jugoslawischen Raums würdigt (Calic, 2018).
Unsere Materialien sind speziell auf den schweizerischen Kontext zugeschnitten. Mit dem Ansatz der Verflechtungsgeschichte erschliessen wir Verbindungen, die über eine reine Migrationsgeschichte hinausgehen. Im Zentrum stehen dabei auch gesellschaftliche und politische Parallelen, die Thomas Bürgisser als «Wahlverwandtschaft zweier Sonderfälle» beschrieben hat (Bürgisser, 2017). So lassen sich etwa Jugoslawiens blockfreie Aussenpolitik und die schweizerische Neutralität einander gegenüberstellen, ebenso wie der föderale Staatsaufbau beider Länder oder der Umgang mit sprachlicher und kultureller Vielfalt. Diese Perspektiven eröffnen den Lernenden die Möglichkeit, historische Erfahrungen aus zwei unterschiedlichen Kontexten miteinander zu vergleichen und kritisch zu reflektieren. Themen wie Migration, Diasporakultur, Integration und Identitätsfragen werden im gesellschaftlichen und historischen Kontext der Schweiz verankert, um eine greifbare und praxisnahe Perspektive für die Lernenden zu schaffen.
Das Projekt richtet sich an Schulklassen der Sekundarstufe II. Es soll Lehrpersonen entlasten, denen aufgrund knapper Zeitressourcen im Schulalltag häufig die Möglichkeit fehlt, sich vertieft in neue Themen einzuarbeiten. Mit unserem fachlichen Wissen und didaktisch aufbereiteten Materialien stellen wir ihnen Instrumente zur Verfügung, die eine fundierte und differenzierte Behandlung des Themas im Unterricht ermöglichen. Kern des Angebots ist der Workshop «ABC Jugoslawiens», eine interaktive Doppellektion, die den Lernenden einen strukturierten Einstieg in die Geschichte und den Raum Jugoslawiens bietet. Dieser Workshop kann direkt in den Schulklassen durchgeführt werden; alternativ können Lehrpersonen die Materialien auch beziehen und selbstständig einsetzen.
LITERATUR
Baumgärtner, Ulrich (2015). Wegweiser Geschichtsdidaktik. Historisches Lernen in der Schule. Paderborn: UTB.
Bürgisser, T. (2017). Wahlverwandtschaft zweier Sonderfälle im Kalten Krieg. Schweizerische Perspektiven auf das sozialistische Jugoslawien 1943-1991. Bern: Quaderni di Dodis, Diplomatische Dokumente der Schweiz.
Calic, M.-J. (2018). Geschichte Jugoslawiens. München; C.H. Beck.
Gautschi, P. (2009). Guter Geschichtsunterricht. Grundlagen, Erkenntnisse, Hinweise, Schwalbach/Ts.: Wochenschau.
Migros Magazin (2020). From Balkan With Love. Nr. 25, 15. Juni 2025. Zürich: Migros-Genossenschafts-Bund.
Pavić, K. (2020). Das «Serbenbild» während der Jugoslawienkriege in der Schweiz. In: J. Thyroff & B. Ziegler (Hrsg.), Die Jugoslawienkriege in Geschichtskultur und Geschichtsvermittlung, Zürich: Chronos Verlag, S. 87–100.
Sauerländer, D. (2020). Jugoslawienkriege im Geschichtsunterricht in der Schweiz. Tagungskommentar. In: J. Thyroff & B. Ziegler (Hg.), Die Jugoslawienkriege in Geschichtskultur und Geschichtsvermittlung. Zürich: Chronos Verlag, S. 171–188.
Swissinfo.ch (2024). Wie die Schweiz mit Jugoslawien ins Geschäft kam, Stand: 24.09.2025.
Thyroff, J. (2020a). Die Jugoslawienkriege als Unterrichtsthema in der Schweiz. Der Lehrplan 21 für die Sekundarstufe I und darauf abgestimmte Geschichtslehrmittel. In: Thyroff, J. & Ziegler, B. (Hg.), Die Jugoslawienkriege in Geschichtskultur und Geschichtsvermittlung. Zürich: Chronos Verlag, S. 61-72.
Thyroff, J. (2020b) Die Vermittlung der Jugoslawienkriege als Herausforderungsgefüge - Bestandsaufnahme und Problemaufriss aus geschichtsdidaktisch-theoretischer Perspektive. In: Thyroff, J. and Ziegler, B. (Hg.) Die Jugoslawienkriege in Geschichtskultur und Geschichtsvermittlung. Zürich: Chronos Verlag, S. 37-60.
Todorova, M.N. (2009). Imagining the Balkans, New York: Oxford University Press.
ABC-JUGOSLAWIENS
Der Workshop «ABC Jugoslawiens» bietet Lernenden der Sekundarstufe II einen niederschwelligen Zugang zu einem komplexen historischen Raum. Im Rahmen einer Lernwerkstatt entdecken die Lernenden die Verbindungen zwischen Jugoslawien und der Schweiz und entwickeln ein differenziertes Geschichtsbild jenseits etablierter Stereotype.
SACHANALYSE
Die geschichtswissenschaftliche Forschung zu Jugoslawien war lange von einem starken Fokus auf Zerfall und Krieg geprägt. In vielen Darstellungen dominierte das Narrativ des «Scheiterns» eines Vielvölkerstaats, das scheinbar zwangsläufig in die Katastrophe der 1990er-Jahre mündete (Calic, 2018: 9). Dieses Bild prägt bis heute die öffentliche Wahrnehmung, nicht zuletzt auch in Schulbüchern und populären Medien.
Neuere Forschungen, etwa der Historikerin Marie-Janine Calic, wenden sich ausdrücklich gegen diese Engführung und betonen, dass sich die Geschichte Jugoslawiens «nicht nur aus seinem Anfang oder Ende» erklären lasse, sondern vielmehr «als grundsätzlich ergebnisoffener Prozess zu verstehen» sei (Ebd.). Kulturelle Vielfalt führe demnach nicht automatisch zu «balkan-notorischer Unverträglichkeit» oder «ewigem Völkerhass», wie es stereotype Vorstellungen vom «Pulverfass Balkan» nahelegen. Vielmehr seien Nationen und Kulturen keine naturgegebenen, sondern historische Grössen und damit wandelbar. Daraus ergibt sich die zentrale Frage: Wer hat wann, warum und wie aus ethnischer Vielfalt ein Konfliktgegenstand gemacht? Löst man sich vom Blickwinkel der Gegenwart, erscheint Jugoslawien nicht mehr als «gescheitertes Projekt», sondern vielmehr als ein eigenständiges Modell politischer, gesellschaftlicher und kultureller Entwicklung, das über Jahrzehnte Bestand hatte.
Jugoslawien entstand 1918 nach dem Ersten Weltkrieg als Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, das ab 1929 den Namen «Jugoslawien» trug. Von Anfang an war der Staat von Spannungen zwischen zentralistischen und föderalistischen Kräften geprägt, bot aber zugleich einen politischen Rahmen, in dem unterschiedliche Bevölkerungsgruppen über Jahrzehnte hinweg zusammenlebten.
Mit der Gründung der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien 1945 unter Josip Broz Tito entwickelte sich ein eigenständiges Modell, das von der Forschung häufig als «dritter Weg» zwischen Ost und West beschrieben wird. Dieses System beruhte auf föderaler Gliederung, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Selbstverwaltung sowie einer aussenpolitischen Orientierung an der Bewegung der Blockfreien Staaten.
Bis in die 1970er-Jahre hinein erlebte Jugoslawien eine Phase intensiver Modernisierung, die sich in Industrialisierung, Urbanisierung, dem Ausbau des Bildungswesens und einer wachsenden inter-nationalen kulturellen Ausstrahlung zeigte. Parallel dazu entstanden vielfältige transnationale Verflechtungen: Millionen von Gastarbeiter*innen gingen nach Westeuropa, kulturelle Transfers prägten den Alltag, und das Land entwickelte sich zu einem beliebten Reiseziel. All dies verdeutlicht, dass Jugoslawien nicht nur als «Problemfall», sondern als aktiver Akteur der europäischen Nachkriegs-geschichte verstanden werden muss.
Erst das Zusammenspiel ökonomischer Krisen, ungelöster Nationalitätenkonflikte, wachsender Schuldenlast und des globalen Umbruchs durch das Ende des Kalten Krieges brachte die föderale Ordnung zum Einsturz.
DIDAKTISCHE ÜBERLEGUNGEN
Die erweiterten Perspektiven der neuen geschichts-wissenschaftlichen Forschung bilden den konzeptuellen Rahmen für die Gestaltung des Workshops. Das zentrale didaktische Ziel besteht darin, die Geschichte Jugoslawiens nicht ausschliesslich durch die Brille ihres Zerfalls zu betrachten, sondern auch seine produktiven Beiträge und die vielschichtige gesellschaftliche Realität zu würdigen. Um der historischen Komplexität eines Raums gerecht zu werden, in dem über Jahrzehnte hinweg Integration und Differenz, Modernisierung und kulturelle Kreativität aufeinandertrafen, bietet sich die Form der Lernwerkstatt an (Gautschi, 2007). Diese methodische Herangehensweise ermöglicht es, verschiedenste Facetten der jugoslawischen Geschichte sichtbar zu machen und deren sich überlagernde Ebenen für die Lernenden erfahrbar zu gestalten, wodurch lineare Erzählstränge aufgebrochen und stattdessen ein buntes Mosaik historischer Erfahrungen entwickelt werden kann.
Narrative Dimension
Ein zentrales Anliegen des Workshops ist, das dominierende teleologische Zerfallsnarrativ aufzu-brechen und die jugoslawische Geschichte aus dem Blickwinkel der Vergangenheit als ergebnisoffenen Prozess erfahrbar zu machen (Rüsen, 2012). Um der Falle ethno-nationaler Geschichtserzählungen zu entgehen, die die Idee der «Einheit in der Vielfalt» von Anfang an als zum Scheitern verurteilten «Geburtsfehler» darstellen, ist der Aufbau des chronologischen Grundwissens im Rahmen der Pflichtstation darauf ausgelegt, nationale und ethnische Kategorien als historische Grössen zu verstehen (vgl. Calic, 2018: 9). Die Lernenden setzen sich mit Grenzverschiebungen in verschiedenen Epochen auseinander und reflektieren, wer zu welchem Zeitpunkt und aus welchen Gründen kulturelle Diversität für politische Zwecke nutzbar machte. Die darauf folgenden Wahlstationen verfolgen das Ziel, in einem thematischen Querschnitt Schlaglichter auf die vielfältige jugoslawische Geschichte zu werfen (Barricelli, 2015: 51-53). Dabei werden politik-, wirtschafts-, sozial-, alltags-, kultur-, sport- und geschlechtergeschichtliche Perspektiven miteinander verknüpft – etwa in Stationen zu den Partisan*innen, zur Blockfreien Bewegung, zur Schwarzenbach-Initiative, zur Cockta-Werbung, zu Architektur, Musik und Fussball. Durch diese multiperspektivische Herangehensweise erhalten die Lernenden Einblicke in die Komplexität und Dynamik einer Gesellschaft, die weit mehr war als nur der Schauplatz ihres späteren Untergangs.
Empirische Dimension
Die verschiedenen Werkstattstationen versammeln ein breites Spektrum unterschiedlicher Quellen-gattungen – von Zeitungsartikeln und Fernsehbeiträgen über Fotografien, Plakate und Comics bis hin zu Musikvideos und Architektur. Diese mediale Vielfalt ermöglicht es den Lernenden, unterschiedliche Zugangswege zur Vergangenheit zu zu erschliessen (Rüsen, 2012). Jede Werkstattstation orientiert sich dabei konkret an einem spezifischen Quellenmaterial, wodurch die empirische Dimension des historischen Lernens eingelöst wird. Die Zusammenstellung des Quellenmaterials zielt darauf ab, die konzeptionell angelegte Multiperspektivität der Lernwerkstatt praktisch umzusetzen und verschiedene gesellschaftliche Stimmen hörbar zu machen.
Normative Dimension
Im Rahmen der Lernwerkstatt wird die Geschichte Jugoslawiens nicht nur aus der Vergangenheit heraus betrachtet, sondern die Lernenden setzen sich auch mit der Entstehung von Geschichtsbildern und deren gesellschaftlicher Wirkung in der Gegenwart auseinander. Die Stationen stellen immer wieder Bezüge zur Gegenwart und zur Lebenswelt der Lernenden in der Schweiz und ihren Biografien her. Dabei werden auch im kollektiven Gedächtnis verankerte Stereotype und Vorurteile aufgegriffen und in ein differenzierteres Bild überführt. wodurch bestehende Werturteile reflektiert werden können. Auf diese Weise werden Sinnbildungspotentiale aufgegriffen und Angebote für historische Orientierung geschaffen.
Durch die konsequente Multiperspektivität werden die Lernenden mit verschiedenen Sichtweisen und Erzählungen konfrontiert, wodurch Alteritätserfahrungen ermöglicht und Ambiguitätstoleranz gefördert wird. Die bestehenden Kontroversen – etwa zur Rolle der NATO – sollen explizit sichtbar und zum Gegenstand von Diskussionen gemacht werden (Goldberg/Savenije, 2018). Damit Multiperspektivität jedoch nicht in Beliebigkeit abgleitet, gilt es, die Grenzen bestimmter Positionen deutlich zu markieren: Standpunkte, die etwa Genozide leugnen oder grundlegende Prinzipien von Demokratie und Menschenwürde missachten, müssen klar ausgeschlossen werden und können nicht als gleichberechtigt behandelt werden (Pohl, 2015).
Diese didaktische Konzeption entfaltet eine doppelte Wirkung: Einerseits fördert sie die individuelle Kompetenz historischen Denkens und ermöglicht es den Lernenden, komplexe Vergangenheitsbezüge zu verstehen und zu bewerten. Andererseits trägt sie zur demokratischen Bildung bei, indem sie die kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Narrativen und Stereotypen anregt und somit die Fähigkeit zur reflektierten Meinungsbildung in einer pluralistischen Gesellschaft stärkt.
UNTERRICHTSDRAMATURGIE
Der Workshop gliedert sich in drei aufeinander aufbauende Phasen, die den Lernenden zunächst einen Überblick über die jugoslawische Geschichte vermitteln und anschliessend eine Vertiefung ausgewählter Aspekte ermöglichen.
Einstiegsphase
Der Einstieg erfolgt über eine ABC-Sammlung, in der die Lernenden spontane Assoziationen in Form von Begriffen zu Jugoslawien zusammentragen. Diese Methode dient sowohl der Aktivierung bereits vorhandenen Vorwissens als auch der Sichtbarmachung unbewusster Stereotype und narrativer Muster. Darüber hinaus soll der gewählte Zugang die Wahrnehmung schärfen und die Neugier sowohl für die jugoslawische Geschichte als auch für die damit verbundenen aktuellen Fragestellungen und Deutungen der Vergangenheit wecken.
Erarbeitungsphase
Das Herzstück des Workshops besteht aus einer Lernwerkstatt, die es den Lernenden ermöglicht, verschiedene Dimensionen der jugoslawischen Geschichte zu erschliessen. Eine allgemeine Pflicht-station zu Raum und Zeit stellt zunächst das grundlegende Überblickswissen sicher. Daran anschliessend bieten die Wahlstationen die Möglichkeit, das Grundwissen zu vertiefen und zu erweitern, wobei die Lernenden gleichzeitig ihren eigenen Interessen nachgehen können. Um den organisatorischen Ablauf zu erleichtern, sind die Wahlstationen in Cluster zu je drei Stationen zusammengefasst, die thematisch verschiedene Aspekte behandeln.
Ergebnissicherung
Im Übergang zur Ergebnissicherung wird den Lernenden in einem kurzen Input der Artikel aus dem Migros Magazin von 2020 vorgestellt, der als «Hommage» an die jugoslawische Diaspora gedacht war. Die provokante Aussage «Das haben sie uns gebracht» mit den darauf folgenden Stereotypen sollen kritisch hinterfragt und umgedreht werden. Mit der Aufgabe, Vorschläge für eine bessere Ausgabe des Migros Magazins zu entwickeln, sollen die Lernenden Themen aus ihren Stationen herausgreifen, die ihnen ein differenziertes Bild der jugoslawischen Geschichte vermittelt haben. Diese Erkenntnisse werden wiederum auf dem ABC-Poster festgehalten, wodurch die wichtigsten Lernresultate gesichert und der Lernprozess sichtbar gemacht wird.
STATIONEN DER LERNWERKSTATT
RAUM UND ZEIT




DEBATTEN IN DER MIGRATIONS-POLITIK
TITO
VERBÜNDET GEGEN DEN IMPERIALISMUS
PARTISAN*INNEN
ARCHITEKTUR ALS ZEITZEUGIN
DEN GENOZID IN SREBRENICA ERINNERN
JUGOSLAWIEN-KRIEGE
KICK IT LIKE SHAQIRI
BILDER ERZÄHLEN DEN KRIEG


KONSUMKULTUR ZWISCHEN SOZIALISMUS UND WESTEN
SPRACHEN-MOSAIK
SARAJEVO ROSEN
POLITIK AUF DER SCHALLPLATTE


GELD
PFLÜCKA
ZWEIT-GENERATIONELLE PERSPEKTIVEN


STREIT UM KOSOVO
DAYTON-ABKOMMEN


NATO BOMBARDIERUNG


LITERATUR
Barricelli, M. (2015). Thematische Strukturierungskonzepte. In: Günther-Arndt, H. & Handro, S. (Hg.) (2015). Geschichts-Methodik. Handbuch für die Sekundarstufe I und II. 8. Aufl., Berlin: Cornelsen, S. 44–60.
Calic, M.-J. (2018). Geschichte Jugoslawiens. München; C.H. Beck.
Gautschi, P. (2007). Lernen an Stationen. In: Mayer, U. u.a. (Hg.), Handbuch Methoden im Geschichtsunterricht, 2. Aufl., Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag, S. 515–531.
Goldberg, T. & Savenije, G. (2018). Teaching Controversial Historical Issues. In: Metzger, S.A. & Harris, L.M. (Hg.), The Wiley International Handbook of History Teaching and Learning, Hoboken, New Jersey: Wiley Blackwell, S. 503–526.
Migros Magazin (2020). From Balkan With Love. Nr. 25, 15. Juni 2025. Zürich: Migros-Genossenschafts-Bund.
Pohl, K. (2015). Kontroversität: Wie weit geht das Kontroversitätsgebot für die politische Bildung? Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung.
Rüsen, J. (2012). Zeit und Sinn. Strategien historischen Denkens. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch.


